Man schrieb das Jahr 2007 als es sich begab, dass ein ahnungsloser deutscher Tourist im sulawesischen Bada Valley sich nach einer Transportmöglichkeit von eben dort zurück zu seinem Hotel in Palu erkundigte. Kein Bus würde dort direkt hinfahren, hieß es, jedoch böte sich die Möglichkeit, ein Ojek (ein Taxi-Motorrad) zu nutzen; der Weg sei jedoch in schlechtem Zustand. Eine öde Rückfahrt erwartend verabredete sich der deutsche Tourist (von nun an ‚ich‘ genannt) mit einem Ojekfahrer für den nächsten Morgen.
Es stellte sich heraus, dass sich die Fahrt wenig öde gestaltete, sondern recht abenteurlich. Der Weg war weniger als ‚in schlechtem Zustand‘ zu bezeichnen, jedoch vielmehr als nicht wirklich vorhanden.
Während der ruppigen Rückfahrt zu meinem Hotel in Palu, kam mir der Gedanke, dass es doch sehr reizvoll sein müsse, diese Strecke mit dem Fahrrad abzufahren, da sie mitten durch unberührte Natur führte. Für jemanden, der es drauf hat, relativierte ich diesen Gedanken aber gleich, und gestand mir ein, dass dieser Jemand wohl kaum ich sei. Hatte ich zwar seit meiner frühen Jugend mehrere Radtouren bis Kroatien und Südfrankreich unternommen, so wäre dies aber eine andere Nummer.
Und doch – manche Gedanken bleiben im Hirn haften wie Kletten am Hosenbein – brach ich im Jahre 2013 auf nach Sulawesi, nachdem mich Radtouren durch Schwarzwald, Schwäbische Alb und die Alpen zu mehr ermutigt hatten.

Google Maps erfasste dieses Gebiet nur rudimentär in schlechter Auflösung, was keine Schlüsse auf Straßenzustand oder Dichte der Besiedelung zuließ, geschweige denn die Möglichkeit einer Streckenplanung. Als Orientierung bei der Planung dienten mir ein Reiseführer von Karlheinz Knaus und das Buch von Philipp Hans ‚Indonesien‘, der viele Trekkingtouren und Radreisen in Indonesien beschrieb. Beide bereits seit langem vergriffen.

Radreise Sulawesi
Radreise Sulawesi

TEIL EINS

Im ersten Teil der Radreise geht es von Pare-Pare über Mamudju, Mamasa, Rantepao (Toraja Hochland) bis  Kolonodale.

Im zweiten Teil der Radreise geht es von Kolonodale, Danau Poso, Bada Tal, Lorelindu Nationalpark bis Palu.

Teil Eins der Sulawesi Radreise

Das Tune Hotel Klia2 lag damals noch weit entfernt vom Flughafen Kuala Lumpur, und war umgeben von Palmölplantagen. Die Radbox passte in kein Taxi und kaum in den Shuttlebus. Das Ticket kostete pro Person 2,5 Ringgit, mir knöpfte der Busfahrer 40 Ringgit ab, „weil es eigentlich nicht erlaubt sei“. Es gibt immer einen guten Grund, um Schmiergeld zu verlangen.

Am nächsten Morgen flog ich nach Ujung Padang (Makassar).

Das Hotelzimmer war recht angenehm. Ich vernahm seltsame Geräusche durch das winzige Fenster, die ich nicht zuordnen konnte. Es stellte sich heraus, dass es Aufnahmen der Rufe von Schwalben waren, die etwas verzerrt aus Lautsprechern kamen, um eben Schwalben anzulocken, damit sie in einem extra dafür gebauten Gebäude nisten, und man ihre Nester abernten konnte, um sie an Schwalbennestsuppe-Liebhaber zu verkaufen.

Geduld

Da Philipp Hans die Strecke von Makassar nach Pare-Pare in seinem Buch als sehr stark befahren beschreibt, gönnte ich mir ein ‚Taxi‘. Als der Fahrer sah, dass er nicht eine Kiste mit Fahrrad, sonder ein Fahrrad als solches transportieren sollte, viel er aus allen Wolken und weigerte sich beharrlich dies zu tun (aus Angst der Innenraum seines Autos könne beschmutzt werden) Mich selbst als netten Kerl präsentierend redete ich ihm sanftmütig zu, bis er schließlich freudig zustimmte.
In Indonesien kann man viel erreichen, so man nur geduldig und freundlich bleibt, damit das Gegenüber erkennt, dass man eigentlich ein recht netter Kerl ist. Dann kommt man in den Genuß sehr großer Hilfsbereitschaft und freundschaftlicher Zuwendung (meist aber auch gepaart mit großer Neugier und Distanzlosigkeit).
In Medan rollte mein Objektivdeckel auf eine stark befahrene Straße. Ich dankte dem Objektivdeckel für seine Treue und herausragenden Dienste und wollte mich schon abwenden, als ein junger Mann kurzerhand den Verkehr stoppte, und mir den Objektivdeckel überreichte, und das obwohl er garnicht ahnen konnte, dass ich eigentlich ein recht netter Kerl bin.

Alles fing ganz harmlos an 

Am ersten Tag musste ich lernen mit der extremen Hitze und dem ständigen Gehupe der Fahrzeuge klarzukommen. Ab Nachmittag regnete es in Strömen. 
Da es entlang der Straße wider erwarten dicht besiedelt war, fand ich keinen Platz zum Zelten und habe so notgedrungen ein Hotel in Polewali aufgesucht. Dabei hatte ich Sulawesi auch deshalb ausgesucht, weil es der am wenigsten dicht besiedelte Teil Indonesiens sei. So ist dem auch, jedoch siedelt alles entlang der Straßen.

Mein kleiner Spirituskocher ist auch problemlos im Hotel zu benutzen (im Gegensatz zu Benzinkochern). Der Spiritus stammt aus einem Möbelgeschäft und ist ästhetisch blau eingefärbt.

Für die nächste Übernachtung fand ich eine Lücke zwischen den Dörfern am Meer. Bald erschienen ein paar Jungs, die mich einluden mit ihnen im oberen Teil des kleinen Holzturms zu quatschen. Als sie bemerkten, dass ich etwas indonesisch spreche, nahmen die Fragen keine Ende. Es tauchten nach und nach mehr Jungs auf, und ich beantwortete die selben Fragen wieder und wieder.
Man fühlt sich sehr schnell in der Gemeinschaft aufgenommen.

Ohne zu übertreiben

– alle fünf Minuten erschallte es lautstark „Hello Mister!!!“ oder auch nur „Miiiiiiisterrrrrr!!!!. Das passierte offensichtlich reflexartig, also ohne mich als Ausländer wahrzunehmen und dann zu reagieren, sondern der visuelle Eindruck findet seinen Weg direkt in’s Sprachzentrum ohne Umweg über das Bewußtsein. Anfangs noch amüsiert, ist man spätestens nach zwei Tagen ein nervliches Wrack.

Abends kam ich wieder klatsch nass in Mamudju an, wo ich zwei Nächte verweilte. Wusch meine Wäsche, schlenderte am Strand cum Müllplatz entland.
Dann ging es in die Berge. Der Hotelbesitzer beschrieb mir den Weg und versicherte mir, die Wege seien alle in gutem Zustand.
Am Nachmittag regnete es und es war wieder kein Platz zum Campen zu finden.
Ich fragte an einem Haus, ob ich wohl dahinter mein Zelt aufschlagen dürfe. Die Familie zögerte. Natürlich musste sie ersteinmal die ungewohnte Situation einordnen. Dann schickten sie mich mit ihrem ältesten Sohn zum Dorfvorsteher. In dessen ärmlicher Behausung, deren grobe Holzwände mit Zeitungen tapeziert waren, aber eine Stereoanlage mir riesigen Boxen beherbergte, fragte er mich etwas höhnisch, ob ich in Deutschland nicht genug Probleme hätte, dass ich hierher komme… Er zeigte sich mir gegenüber aber bald geneigter, und nachdem ich ihm schlotternd vor Nässe Rede und Antwort gestanden hatte, gestattete er es mir hinter dem Haus der Familie zu campen.
Bald fing es wieder an zu regnen, und es stellte sich heraus, dass ich in einer großen Pfütze schlafen sollte. Meine heisse Nudelsuppe und das Froschgequake machten es wett.

Ich habe reichlich Bilder von ruppigen Wegen eingefügt. Angeberisch, meinte ein Freund dazu. Aber genau das hat den Tag geprägt – ich musste meist wirklich jede Sekunde den Blick auf den komplex  strukturierten Boden richten, um nicht zu stürzen.